Fakir
Baykurt
Biographischer Essay für das Kritische Lexikon zur
fremdsprachigen Gegenwartsliteratur - KLfG, 76. Nlg.
6/08
(Textauszug:)
„Ich
komme aus dem Nichts“, bekannte Fakir Baykurt in einer seiner
zahlreichen autobiographischen Schriften. „Wir hatten kein
einziges Buch im Haus. Die Republik nahm mich an die Hand,
sorgte für meine Ausbildung an einem der neu gegründeten
Dorfinstitute, machte mich zum Lehrer, gab mir einen Stift
in die Hand und stellte mich in die Runde der Schriftsteller
des Landes.“ Als eines von sechs Kindern mit der Mutter, der
Vater war früh verstorben, im mittelanatolischen Dorf
in bedrückender Armut aufgewachsen, wo der Umgang mit
Vieh und Ackergerät auch für Kinder mehr galt als
schulisches Lernen, ergriff Baykurt 14-jährig mit beiden
Händen die Chance, die das Dorfinstitut bot. Im Zuge
einer der Grundbildungskampagnen der jungen türkischen
Republik waren nach einer Pilotphase unter Leitung des türkischen
Pädagogen Ismail Hakki Tonguç, der sich von Kerschensteiners
Arbeitsschulenmodell hatte inspirieren lassen, 1940 sogenannte
Dorfinstitute gegründet worden, um im ganzen Land fähige
Dorfjugend zu Dorfschullehrern auszubilden, die die Atatürkschen
Reformgedanken in die Dörfer tragen sollten. Mädchen
und Jungen erlernten neben der Vorbereitung auf ihre Lehrtätigkeit
auch modernste landwirtschaftliche Methoden, um über
ihre schulische Tätigkeit hinaus wirken zu können.
Unter Kultusminister Yücel erlebten die Dorfinstitute
1940-45 eine euphorische Gründerphase mit stark sozialistisch
geprägten Zügen, bevor sie mit dem Stimmungswandel
im Rahmen der Westpositionierung der Türkei im beginnenden
Kalten Krieg eine Kehrtwende erfuhren: Koedukation wurde abgeschafft,
antikommunistische Propaganda überlagerte den Lehrplan,
Schüler und Lehrer wurden scharf kontrolliert, Bücher
konfisziert. Baykurt kam 1943 in das Dorfinstitut Gönen,
wurde sogleich in den Bibliotheksvorstand berufen und begann
zu lesen: Orhan Veli Kanik, Sabahattin Ali, den bereits verbotenen
Nâzim Hikmet, aber auch Gorki und Panait Istrati, die
mit anderen Weltklassikern vom kurz zuvor gegründeten
Übersetzungsbüro im Kultusministerium erstmals ins
Türkische übertragen wurden und druckfrisch die
Dorfinstitute erreichten.
Baykurt bekam von der Aufbruchsphase genug mit, um lebenslang
von den hier aufgenommenen Impulsen geprägt zu sein.
Hier lernte er, wie wichtig es für den Übergang
zur Moderne war, der jahrhundertelang vernachlässigten
und verachteten Landbevölkerung, aus der er selbst stammte,
eine Stimme zu verleihen, sie zu Eigeninitiative anzuregen
und auf ihre Schaffenskraft zu vertrauen. Baykurts gesamte
Literatur hält sich an diese Maxime. Nie vergaß
er seine Wurzeln: „Das Dorfinstitut machte mich zu dem, was
ich bin.“
Nach zahlreichen in Zeitungen und Zeitschriften publizierten
Gedichten und Artikeln erschien 1955 der erste Erzählband
„Çilli“ (Sommersprossig) mit realistischen Dorfgeschichten.
Quantitativ bilden die Erzählungen das Gros seines Œuvre.
Vielen Erzählungen jedoch haftet ein Notiz- oder Reportagecharakter
an, der Baykurts Zeitzeugenschaft zulasten des literarischen
Gehaltes in den Vordergrund rückt. Nur wenige erfuhren
als eigenständige literarästhetische Werke Wertschätzung.
Trotz zahlreicher Erzählbände bleibt Baykurt dem
kulturellen Gedächtnis der Türkei, wo stete Neuauflagen
ungebrochene Rezeption bis heute belegen, in erster Linie
als Romancier eingeschrieben. Das Romanwerk ist von zwei großen
Trilogien gekennzeichnet, die jeweils symbolhaft für
die beiden großen Schaffensabschnitte Fakir Baykurts
stehen: Die Dorftrilogie um Mutter Irazca und ihre Familie
im Frühwerk (1955-78) und die Duisburg-Trilogie um drei
emigrierte türkische Arbeiterfamilien im Spätwerk
(1982-1997). ...
©
Sabine Adatepe 2008
Der
vollständige Essay ist nachzulesen in: Kritisches Lexikon
zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur - KLfG, zu finden
in jeder gut sortierten Bibliothek.